Kopfläusebefall

Es geschah in der Fünften Klasse der Gesamtschule Hinter den Eichbäumen. Eine besorgte Mutter hatte Läusealarm ausgelöst und indirekt einen Lausbuben südländischer Herkunft als Urheber verdächtigt. Die Klassenlehrerin verteilt ein Merkblatt des Gesundheitsamtes und warnt vor jeder Panik. Doch die beiden Elternvertreterinnen bleiben besorgt und rufen eine außerordentliche Elternversammlung ein.
Der Elternabend ist ungewöhnlich gut besucht. Es gibt eine lebhafte und zum Teil erregte Aussprache, aber die meisten Diskussionen werden hinter vorgehaltener Hand geführt. Woher die Läuse kommen, darüber sind die Eltern bestens informiert: Ein jeder zeigt mit dem Finger auf andere, die gerade nicht hinsehen oder hinhören. Die beiden persischen Mütter sind sich einig: Bei uns, tuscheln sie, kommt so etwas überhaupt nicht vor. Jeder weiß, wir Iraner sind eines der saubersten Völker der Erde. Zwei türkische Väter stecken zusammen. Die meisten Deutschen, flüstern sie, sind ausgesprochen schmutzig. Die Kinder baden sie höchstens einmal die Woche, das Haar wird einmal im Monat gewaschen. Davon kommen die Läuse. Zwei deutsche Mütter halten gegenüber den ElternVertretern mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg. Die Hatice, die kleine Türkin, trägt Tag und Nacht dasselbe Kopftuch. Da müssen sich doch Parasiten einnisten. Hatices Mutter versteht nur Kopftuch und sagt den deutschen Frauen so laut, daß es alle hören können: Meine Tochter trägt jeden Morgen zur Schule ein sauberes Kopftuch, und dieses Kopftuch besprengen wir mit Rosen- und Lavendelöl. Ein besseres Mittel gegen Läuse gibt es gar nicht.
Der Elternabend verläuft ohne greifbare Ergebnisse. Die Klassenlehrerin bittet am nächsten Morgen den schulärztlichen Dienst um eine gründliche Untersuchung der Klasse 5d. Schon einen Tag später kommen zwei Amtsärztinnen vorbei und untersuchen alle Kinder, auch den verdächtigten Lausbuben. Ihr Befund ist eindeutig: Kein Kind hat Läuse.
Diesmal lädt die Klassenlehrerin ebenso kurzfristig zu einer Elternversammlung ein. Fast alle sind zur Stelle, weil sie neugierig auf das amtliche Untersuchungsergebnis sind. Die Lehrerin nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie wäscht den Eltern gehörig den Kopf. Schlimmer, schimpft sie, als Läuse auf dem Kopf sind Läuse im Kopf. Diese Kopfläuse lösen bei manch einem, der sich für besonders sauber hält, ausgesprochen schmutzige Gedanken aus ...

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