Erinnerung an Gabriel Laub

Wir trafen uns auf dem Hamburger Rathausmarkt, beim Fest der Europäer am Ersten Mai. Wir sprachen über Gott und die Welt. Ich beichtete Gabriel Laub, daß ich Muslim geworden sei. Heimlich fürchtete ich seinen Spott, weil ich wußte, daß er bei aller Kritik an Israel nicht eben gut auf den Islam zu sprechen war. Doch zu meiner Überraschung reichte er mir die Hand, um mir zu meinem Übertritt zu gratulieren. Das ist famos, scherzte er, das erhöht meine Aussicht, in den Himmel zu kommen, beträchtlich. Wieso? wollte ich wissen.
Ich weiß genau, wenn ich vor dem Eingang zum Paradies stehe, dann sind dort meine orthodoxen Oberlehrer und Oberrabbiner auf dem Posten und verpfeifen mich beim lieben Gott, weil ich ihnen zu lasch und zu liberal war.
Und was hat das mit mir und meinem Glauben zu tun?
Ja, meinte Gabriel, das ist doch einfach. Wenn ich durch das jüdische Tor nicht hineinkomme ins himmlische Jerusalem, dann versuche ich es eben nebenan vor dem muslimischen Tor. Bei Euch Muslimen findet sich immer jemand, der gegen ein kleines Bak-schisch bereit ist, einen Freund mit durchzumogeln.
Und du meinst, ich wäre so einer. Na, meinte Gabriel Laub, Du bist natürlich unbestechlich. Du würdest mich auch ohne Trinkgeld hineinlassen. Aber woher weißt Du, daß ich ausgerechnet am Tor stehe?
Ja, griente er, als ehemaliger Genosse bist Du geradezu zum Wacheschieben prädestiniert.
Damit waren wir wieder bei unserem Lieblingsthema, den Wandlungen, Windungen und Wendungen unseres Lebens. Gabriel las mir die Leviten: Lutheraner, Papist, Maoist, Stalinist, Gorbatschowist und jetzt Fundamentalist. Er zählte mein Schicksal an seinen Fingern. Das macht drei Eintrittskarten für die Hölle und drei Freifahrtscheine für den Himmel. Schau mich an: Ich war erst Jude, dann Sowjetbürger, Usbeke, Pole, Tscheche, dann Asylant, Emigrant und jetzt Deutscher. Das sind mindestens acht Hemden, die ich gewechselt habe. Aber wart's ab. Ich werde auch noch mein letztes Hemd wechseln. Wenn ich tot bin, dann laß ich mich im Heiligen Land beerdigen wie ein frommer Jude.
Und ich soll Dich dann durchs muslimische Tor schleusen?
Er klopfte mir auf die Schulter.
Ja, sagte ich, kapiert. Aber das Tor ist ziemlich schmal. Kaum durchlässig für einen Dicken wie Dich. Gabriel Laub wußte Rat. Machst Du auch Ramadan? wollte er von mir wissen.
Ich bejahte seine Frage.
Prima! Dann fastest Du nächstes Mal für mich mit. Dann komm ich garantiert durch!

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