Bauer Piepenbrink aus Rhauderfehn hatte drei Töchter. Ein Sohn, der den Hof hätte übernehmen können, wurde ihm leider nicht geschenkt.
Nachdem seine Frau ihn verlassen hatte, überfiel ihn die Traurigkeit, und er sah schwarz für die Zukunft seiner Bauernwirtschaft. Seine älteste Tochter studierte in Oldenburg Psychologie und zeigte seit ihrer Heirat mit einem Künstler nicht das geringste Interesse für Haus und Hof der Eltern. Die zweite Tochter blieb zuhaus bei ihrem Vater, litt aber unter ständigen Depressionen und fand keinen Mann für die Ehe. Sie wäre darum kaum imstande gewesen, den Hof, der seit zweihundert Jahren im Familienbesitz war, weiter zu bewirtschaften.
Blieb Elke, die dritte Tochter. Immerhin machte sie nach dem Abitur eine Lehre auf der Molkerei im Nachbarort und studierte danach auf der Technischen Hochschule Bio-Ingenieur. Doch dann passierte das Malheur. Sie verliebte sich in einen türkischen Mitstudenten, lernte Türkisch und wollte von Ahmed nicht mehr los. Sie war wild entschlossen, ihn zu heiraten.
Bauer Piepenbrink war kein Hinterwäldler. Ahmeds Herkunft, nicht einmal seine Religion waren für ihn ein Problem. Aber ein Türke auf einem ostfriesischen Bauernhof - das wollte nicht in seinen Kopf.
Irgendwann brachte Elke ihren Liebhaber mit ins Haus. Vater Piepenbrink mochte ihn, aber Ahmed war entsetzt - nicht über seinen potentiellen Schwiegervater, sondern über die Schweinemästerei auf dem Hof. Er rümpfte unentwegt die Nase. Achtzig Schweine auf einem Haufen, die konnte auch kein Rosenwasser übertünchen.
Wir Muslime, erklärte Ahmed dem Bauern, mögen keine Schweine. Sie sind in unseren Augen unrein, und wir dürfen sie nicht essen.
Hat Euer Mohammed das gesagt? wollte Piepenbrink wissen.
Ja, sagte Ahmed, in Gottes Namen.
Und was für Fleisch eßt Ihr?
Wir essen, sagte Ahmed, am liebsten Schafsfleisch. Schafe sind reine Tiere. Bauer Piepenbrink schwieg. Sie wechselten das Thema, aber er beteiligte sich trotzdem nicht am Gespräch. Er war in seine ostfriesische Wortkargheit zurückgefallen. Dann, am späteren Abend, als Elke und Ahmed gehen wollten, stand der Bauer plötzlich auf, schlug dem jungen Mann auf die Schultern und meinte ein wenig feierlich: Mein Jung, dann versuch es doch mit Schafen! Meine Tochter und meinen Hof kannst Du haben.
Ahmed setzte sich. Er blieb die Nacht über auf dem Hof. Sie redeten bis zum Morgengrauen. Piepenbrink erzählte, daß die Schweinemästerei längst unrentabel geworden sei und daß die Bauern früher, bis vor hundert Jahren, in Ostfriesland auch schon Schafe gehalten hätten. Und sie rechneten. Auf vierzig Hektar Weideland, das Piepenbrink weit unter Preis an eine Milchwirtschaft verpachtet hatte, könnten gut und gerne vierhundert Schafe weiden.
Zu dritt entwarfen sie einen Plan. Zum nächsten Frühjahr wollten sie Schluß machen mit der Schweinemast. Ahmed wollte eine Schafherde aufbauen, die Wolle verkaufen, ostfriesischen Schafskäse herstellen und mit dem Fleisch türkische Schlachterläden in Oldenburg und Bremen beliefern.
Es blieb nicht beim Pläneschmieden. Ein Jahr später wurde Hochzeit gefeiert. Der Hof war schweinefrei, und mit zehn neuseeländischen Zuchtlämmern begann Ahmed, der den Namen seiner Frau angenommen hatte, mit dem Aufbau seiner Herde.
Die Tiere vermehrten sich rasch und gediehen prächtig. Die erste Schafschur brachte bares Geld ins Haus, und im Herbst standen die Schlachter vor dem Hof Schlange. Ahmed konnte gar nicht genug Schlachttiere liefern. Seine Herde wuchs, das Schafwunder sprach sich herum. Manche Schweinemäster in der Nachbarschaft erblaßten vor Neid, nachdem ihre Preise weiter in den Keller gegangen waren.
Nach drei Jahren machte Ahmed Piepenbrink das erste ganz große Geschäft. Er verkaufte zweihundert Schafe zum Opferfest nach Mekka. Sie wurden mit einem Sonderflugzeug von Bremen aus an den Ort ihrer Bestimmung gebracht. Sie fanden vermutlich ein würdigeres Ende als die achtzig Schweine, die der Piepenbrinksche Hof ehedem Jahr für Jahr an den Bremer Schlachthof geliefert hatte.
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